Pier
Paolo Pasolini
Vita
Ein Portrait von Massimiliano
Valente und Angela Molteni
Übersetzung
von Monika Lustig
DER ZWEITE WELTKRIEG.
TOD DES BRUDERS GUIDO
Der Zweite Weltkrieg ist
für Pasolini eine äußerst schwierige Zeit. Sein Gemütszustand lässt
sich deutlich aus dem Tenor seiner Briefe erschließen:
"Was meine Gesundheit
angeht, kann ich nicht klagen, ja die ist gut. Doch was meine Moral betrifft,
läuft es nur selten gut, auch wenn ringsum alles ruhig ist. Im Übrigen
habe ich große Angst. Angst davor, auf der Strecke zu bleiben, verstehst
du mich, Rico? Und nicht nur ich, sondern auch die anderen. Wir sind
unserem Schicksal ausgeliefert; arme nackte Menschheit." (7)
"Ich weiß nicht, ob wir
einander je wiedersehen, überall liegt der Gestank des Todes, des Endes,
der Erschießungen in der Luft... Nur noch der Geruch von Schießpulver
ist zu riechen, alles bereitet Ekel, bedenkt man, dass jene Kerle auf diesen
Erdboden kacken. Ich würde am liebsten auf die dumme Erde spucken, die
weiterhin grüne Grashälmchen und gelbe und blaue Blümlein hervorbringt
und die Knospen an den Bäumen..." (8)
1943 wird Pasolini in Livorno
eingezogen. Nach den Ereignissen des 8. Septembers verweigert er den Befehl,
den Deutschen die Waffen auszuhändigen, und flieht. Nach mehreren Stellungswechseln
quer durch Italien, kehrt er nach Casarsa zurück.
Die
Familie Pasolini beschließt, sich in den winzigen Ortsteil von Casarsa,
Versuta zurückzuziehen, da hier weniger Bombardierungen durch die Alliierten
und Überfälle der Deutschen zu erwarten sind. Hier unterrichtet er die
Kinder der ersten Gymnasialklassen.
Doch unauslöschlich sind
diese Jahre vom Tod des Bruders Guido überschattet. Guido akzeptiert nicht,
in Versuta versteckt zu bleiben, und beschließt, in die Reihen der Partisanenkämpfer
überzuwechseln. Pier Paolo begleitet Guido zum Bahnhof, nachdem sie eine
Fahrkarte nach Bologna gelöst haben, um keinen Verdacht auf sich zu lenken.
Über Spilimbergo erreicht Guido Pielungo und wird von der Partisanendivision
Osoppo aufgenommen. Er legt sich, wie bereits erwähnt, den Schlachtnamen
Hermes zu, Vorname von Parini, Pier Paolo's Freund, der nicht mehr aus
dem Russlandfeldzug heimkehrte.
Unter
den verschiedenen antifaschistischen Widerstandsgruppen im Friaul kommt
es zu internen Auseinandersetzungen. Die Kommunisten der Garibaldibrigaden
drängen auf den Anschluss des Friauls an das Jugoslawien unter Tito, wohingegen
die Brigade Osoppo Verfechter der Zugehörigkeit Friauls zu Italien wird.
Guido schreibt an Pier Paolo, auf dass dieser sich in seinen Zeitungsartikeln
engagiere und die Positionen der Osoppo verteidige.
Im Februar des Jahres 1945
wird Guido zusammen mit dem Kommando der Division Osoppo erschossen. Es
geschieht in den Almgebieten oberhalb von Porzus: Eine Hundertschaft von
Garibaldi-Partisanen täuschen vor, sich verirrt zu haben, sie nehmen die
Kämpfer der Osoppo gefangen und eröffnen das Feuer. Guido gelingt es
trotz seiner Verletzung zu fliehen und wird von einer Bäuerin versteckt.
Die Garibaldini aber entdecken ihn, schleifen ihn aus der Hütte und richten
ihn hin. Die Familie Pasolini erfährt von seinem Tod und den Todesumständen
erst nach Kriegsende. Pasolini schreibt:
"Oft denke ich an die
Straße zwischen Musi und Pozus, die mein Bruder an jenem grauenvollen
Tag beschritten hat, und das Bild in meiner Vorstellung ist so hell aufgrund
des strahlendweißen Schneeglanzes, der Reinheit des Himmels. Und die Person
Guidos ist so lebendig."
In der kommunistischen Zeitschrift
"Vie nuove" vom 15. September 1971 erwidert Pasolini auf die Zuschrift
eines Lesers, der ihn um Erklärungen zu den Umständen des Tods von Guido
gefragt hatte:
"Die
Sache ist rasch erzählt: Meine Mutter, mein Bruder und ich waren von Bologna
ins Friaul, nach Casarsa evakuiert worden. Mein Bruder besuchte weiterhin
das Naturwissenschaftliche Gymnasium in Pordenone, er war neunzehn Jahre
alt. Er schloss sich sofort der Resistenza an. Ich war nur wenig älter
als er und hatte ihn mit der Leidenschaft eines Katechismusschüler vom
glühenden Antifaschismus−Kampf überzeugt, denn auch ich, ein junger
Bursche, war erst zwei Jahre zuvor zu der Erkenntnis gekommen, dass die
Welt, in der ich ohne Zukunftsperspektiven aufgewachsen war, lächerlich,
ja absurd war. Kommunistenfreunde aus Pordenone (Marx hatte ich damals
noch nicht gelesen und sah mich als einen liberalen Geist mit Tendenzen
zum Partito d'azione) haben Guido mitgenommen und dem aktiven politischen
Kampf zugeführt. Monate später ist er in die Berge aufgebrochen, wo gekämpft
wurde. Ein Erlass von Graziani, der ihn zum Militärdienst einberief, war
der willkommene Anlass für seinen Aufbruch und diente als Ausrede meiner
Mutter gegenüber. Ich habe ihn zum Bahnhof begleitet, mit seinem Köfferchen
und darin ein Gedichtband, in dem der Revolver versteckt war. Zum Abschied
haben wir uns umarmt: es war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.
Auf den Bergen zwischen dem Friaul und Jugoslawien kämpfte Guido tapfer
mehrere
Monate lang: Er war der Brigade Osoppo beigetreten, die in Julisch Venetien
zusammen mit der Garibaldi−Division operierte. Es waren schreckliche
Tage: Meine Mutter ahnte, dass Guido nicht mehr heimkehren würde. Hunderte
Male hätte er im Kampf gegen die Faschisten und die Deutschen fallen können:
Denn er war ein junger Bursche von einer Großherzigkeit, die keine Schwäche
zuließ, keine Kompromisse. Stattdessen erwartete ihn ein noch tragischeres
Schicksal. Sie wissen, dass Julisch Venetien das Grenzgebiet zwischen Italien
und Jugoslawien darstellt. Und Jugoslawien versuchte zu jener Zeit, sich
das gesamte Territorium einzuverleiben, und nicht nur das, was ihm eigentlich
zustand. Mein Bruder war zwar im Partito d'Azione eingeschrieben und in
seinem Innersten Sozialist (sicherlich wäre er heute an meiner Seite),
aber er konnte nicht hinnehmen, dass eine italienische Region wie das Friaul
zur Zielscheibe des jugoslawischen Nationalismus werde. Er widersetzte
sich und kämpfte. In den letzten Monaten in den Bergen von Julisch Venetien
war die Lage verzweifelt, denn ein jeder stand sich zwischen zwei Feuern.
Wie Sie wissen, war der jugoslawische Widerstand mehr noch als der Italienische
von Kommunisten getragen: So stand Guido den Männern Titos als seinen
Feinden gegenüber, unter ihnen waren auch Italiener, deren Ideen er im
Wesentlichen zu jenem Zeitpunkt teilte, ohne jedoch ihre unmittelbare und
nationalistische Politik mitzutragen. Er starb auf eine Weise, die zu schildern
mir das Herz bricht: An jenem Tag hätte er sich auch retten können: Er
starb, weil er seinem Kommandanten und seinen Genossen zu Hilfe eilte.
Ich glaube, kein einziger Kommunist hat das Recht, das Wirken des Partisanen
Guido Pasolini in den Schmutz zu ziehen. Ich bin stolz auf ihn, und die
Erinnerung an ihn, an seine Herzensgüte, seine Leidenschaft verpflichtet
mich, die Straße zu gehen, die ich gehe. Dass ihn sein Tod auf diese Weise,
in einer so komplexen und dem Anschein nach schwierig einzuschätzenden
Situation ereilte, lässt mich keinen Augenblick zögern. Es bestätigt
mich vielmehr darin, dass nichts einfach ist, nichts ohne Komplikationen
und Leid geschieht: Und dass das, was zählt, in erster Linie der kritische
Weitblick ist, der bloße Worte und Konventionen zunichte macht und den
Dingen auf den Grund geht, eindringt in deren geheimnisvolle und nicht
veräußerbare Wahrheit." (9)
Pasolini dichtet dazu Corus
in morte di Guido, was in der Dialektzeitschrift Stroligut im August
1945 veröffentlicht wird:
La livertat, l'Italia
e quissa diu cual distin
disperat
a ti volevin
dopu tant vivut e patit
ta quistu silensiu
Cuant qe i traditours ta
li Baitis
a bagnavin di sanc zenerous
la neif,
"Sçampa – a ti an dita
– no sta torna' lassu'"
I ti podevis salvati,
ma tu
i no ti às lassat
bessì
i tu cumpains a muri'.
"Sçampa, torna indavour"
I te podevis salvati
ma tu
i ti soso tornat lass'u,
çaminant.
To mari, to pari, to fradi
lontans
cun dut il to passat e la
to vita infinida,
in qel di' a no savevin
qe alc di pi' grant di lour
al ti calmava
cu'l to cour innosent.
Der Tod Guidos zeitigt
die schlimmsten Auswirkungen auf die Familie Pasolini, vor allem auf die
Mutter, die vom Schmerz gebrochen ist. Die Beziehung zwischen Pier Paolo
und der Mutter wird noch enger, auch aufgrund der Rückkehr des Vaters
aus der Kriegsgefangenschaft in Kenia:
"So endete er in Casarsa
in einem neuen Gefängnis: Und seine über ein Jahrzehnt währende Agonie
nahm ihren Verlauf." (10)
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Biographie
La nuova gioventù,
1975
Pier Paolo Pasolini,
Ali mit den Blauen
Augen.
Erzählungen
(= Ali con gli occhi
blu. Racconti)
Affabulazione
- Prologo
Die Haus des Pier Paolo
Pasolini
Casarsa della Delizia,
Pordenone
Photo
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