Pier
Paolo Pasolini
Vita
Ein Portrait von Massimiliano
Valente und Angela Molteni
Übersetzung
von Monika Lustig
JENER TRAGISCHE 2.
NOVEMBER 1975...
Am 2. November 1975 in der
Früh findet die Hausfrau Maria Teresa Lollobrigida auf einem verlassenen
Grundstück in der Via dell'Idroscala an der römischen Meeresküste bei
Ostia die Leiche eines Mannes. Ninetto Davoli identifiziert den Toten als
Pier Paolo Pasolini.
"Als Pasolini tot aufgefunden
wurde, lag er auf dem Bauch mit dem Gesicht zu Boden, der blutige Arm vom
Leib abgewinkelt, der andere unterm Körper. Die blutverkrusteten Haare
fielen über seine aufgeschürfte und aufgeplatzte Stirn. Sein angeschwollenes
Gesicht war völlig entstellt und blau angelaufen, mit Wunden übersät.
Blau geschlagen und rot von Blut waren auch seine Arme und Hände. Die
Finger seiner linken Hand waren gebrochen und aufgeschnitten. Der linke
Oberkiefer war zerschmettert. Die zerquetschte Nase war nach links gebogen.
Seine Ohren waren entzweigeschnitten, und das linke Ohr abgerissen. Er
hatte Wunden auf Schultern, Brustkorb, Hüften; die Spuren der Reifen seines
Wagens, mit dem man ihn überfahren hatte, waren deutlich sichtbar. Zwischen
Kehle und Nacken war eine schreckliche Platzwunde. Zehn Rippen waren gebrochen,
ebenso das Brustbein. Die Leber war an zwei Stellen auseinander gerissen.
Sein Herz war geplatzt." (18)
In
der Nacht halten die Carabinieri einen jungen Burschen namens Giuseppe
Pelosi, genannt "Pino der Frosch", am Steuer eines Alfa Romeo Giulietta
2000 an − wie sich herausstellt ist es der Wagen von Pasolini −
und nehmen ihn fest. Beim Verhör durch die Carabinieri gesteht dieser
angesichts der Umstände den Mord. Er erzählt, Pasolini in der Nähe des
Bahnhofs Termini begegnet zu sein, und nach einem Abendessen in einem Restaurant
hätten sie den Ort erreicht, wo dann später die Leiche gefunden worden
war; Pasolini habe dort, so Pelosis Version, versucht, sich ihm sexuell
zu nähern, und da er zurückgewiesen wurde, habe er gewalttätig reagiert;
das wiederum habe die Reaktion des jungen Burschen hervorgerufen. Der anschließende
Prozess bringt beunruhigende Hintergründe ans Licht. Von mehreren Seiten
wird die Vermutung laut, dass andere Personen an dem Mord beteiligt waren.
Zu diesem Punkt wird nie Klarheit geschaffen. Pino Pelosi wird als einziger
Schuldiger am Tod von Pasolini verurteilt.
Pasolinis Grab befindet sich
auf dem kleinen Friedhof von Casarsa in seinem unvergesslichen Friaul.
Pasolinis Leichnam wurde mit dem Trikot der "Nazionale Italiana Spettacolo"
− Italienische Fußballnationalmannschaft Theater/Filmleute eingekleidet.
Noch heute spielt Ninetto Davoli, eines ihrer Gründungsmitglieder, aktiv
in der Mannschaft mit.
"Es ist also absolut notwendig,
zu sterben, denn so lange wir am Leben sind, mangelt es uns an Sinn, und
die Sprache unseres Lebens (in der wir uns auszudrücken gewohnt sind,
und der wir demnach die höchste Bedeutung beimessen) ist unübersetzbar:
Es ist ein Chaos an Möglichkeiten, eine unablässige Suche nach Beziehungen
und Bedeutungen. Der Tod vollbringt blitzschnell einen Zusammenschnitt
unseres Lebens: oder anders gesagt, er wählt die wirklich bedeutsamen
Momente aus (die nun nicht mehr von anderen möglichen gegensätzlichen
oder nicht kohärenten Momenten modifizierbar sind) und stellt sie hintereinander
in eine Reihe; so macht er aus unserer unendlichen, ungewissen und labilen
− und demzufolge auch sprachlich nicht beschreibbaren − Gegenwart,
eine klare, eindeutige, fest gefügte, gewisse und also sprachlich sehr
wohl beschreibbare Vergangenheit (im Kontext eben einer Allgemeinsemiologie).
Nur dank des Todes bedürfen wir unseres Lebens, um uns auszudrücken."
(19)
|
. |
Biographie
La nuova gioventù,
1975
Pier Paolo Pasolini,
Ali mit den Blauen
Augen.
Erzählungen
(= Ali con gli occhi
blu. Racconti)
Affabulazione
- Prologo
Die Haus des Pier Paolo
Pasolini
Casarsa della Delizia,
Pordenone
Photo
|