...|
|
|
Notizie Pasolini in Teheran
Vorurteile
sind kein schlechter Lektürereiz. Sie können die Neugierde auf
ein Buch wecken, weil man hofft, sie bestätigt zu finden oder sich
von ihnen zu befreien. Wenn die italienische Starjournalistin Lilli Gruber
ein Buch über den Iran mit dem gefühlvollen Titel „Tschador –
Im geteilten Herzen des Iran“ veröffentlicht, dann hat man sogleich
zwei Vorteile im Kopf. Wie soll eine so populäre Fernsehdiva wie die
Gruber sich auskennen in einem Land. von dem vermutlich ein großer
Teil der Leser auch nur Vorurteile besitzt? Auf dem Cover sieht man dann
auch schon die gut geschminkte Top-Journalistin und eine Gruppe von Frauen,
tief verhüllt im Tschador. Aber das Buch der Gruber bestätigt
diese Vorurteile nicht. Weder liefert Lilli Gruber wie ihre, seit vielen
Jahren in den USA lebende Reporterkollegin Oriana Fallaci Stoff en gros
und en detail, um anti-islamische Gefühle anzustacheln noch verklärt
sie die Schönheit von Land und Menschen und vergisst dabei die autoritäre
Politik der Mullahs. Sie ist ganz einfach neugierig auf dieses Land und
auf die Menschen, die sich hinter den Tschadors oder hinter fundamentalistischen
Masken verbergen.
Vielleicht gehört der Iran heute zu den interessantesten Ländern der Welt, weil hier wie nur in wenigen anderen Regionen fast unbeweglich erscheinende Traditionen und eine Ultra-Moderne zusammenstossen. Lilli Gruber sieht diese Konfrontation ganz besonders bei den Frauen. Öffentlich unterwerfen sich viele Frauen noch den orthodoxen Erwartungen ( zum Beispiel dem Tragen des Tschador), aber hinter den Türen zeigen sie ihre Vorlieben für westliche Modemarken. „Wenn man genauer unter den Tschador blickt, entdeckt man ein Universum von ausschweifenden Festen, sexuellen Kontakten, Drogen, Aids und ungewollten Schwangerschaften“. Ob das allerdings eine für den gesamten Iran geltende Beobachtung ist, kann man dem Buch nicht entnehmen. Lilli Gruber hat sich ohnehin stark auf die sozial besser gestellten urbanen Schichten der iranischen Gesellschaft konzentriert. Dort gibt es für die alten Mullahs und auch die juengeren Ultra-Konservativen um den Präsidenten Ahmadinedschad nur Spott und Ablehnung. Sehr gut ist das Kapitel
über die Repressionspolitik gegen einen unabhängigen, kritischen
Journalismus, der sich heute immer mehr im Internet ausbreitet. „Worte
und Frauen sind die eigentlichen Protagonisten auf der Bühne des Islam.“
Dass die italienische Autorinan einer Stelle ihrer journalistischen Momentaufnahmen
aus dem heutigen Iran auch mit einem Restaurantbesitzer in Teheran über
Pier Paolo Pasolini spricht, ist vielleicht nicht zufällig. Eine so
sehr von kulturellen Widersprüchen gezeichnete Gesellschaft wie die
iranische hätte Pasolini sicherlich zu großer kuenstlerischer
Produktivität provoziert. Vielleicht gibt es Bücher, in denen
fundierter über die Ursachen der vielen Widersprüche innerhalb
der iranischen Gesellschaft aufgeklärt wird. Es mag auch sein, dass
Lilli Gruber ihre Euphorie über die Formen einer Modernisierung zu
rosig zeichnet. Auf jeden Fall aber hilft dieses Buch, bestehende Vorurteile
über die iranische Gesellschaft von heute zu überprüfen.
Und es macht sehr neugierig auf ein Land, dass Tag für Tag in den
Schlagzeilen der Weltpresse steht. Wenn man den Iran einzig auf die „Atomfrage“
und den offenen Anti-Semitismus der gegenwärtigen politischen Mehrheit
reduziert, wird man die Komplexität dieser Gesellschaft nicht verstehen.
.
Lilli Gruber: „Tschador – Im
geteilten Herzen des Iran“
Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann Karl Blessing Verlag, Muenchen 2006
|
. |
![]()
|
|
Carl Wilhelm Macke |